Erziehung im Zerreißmodus: Vom ‚Stell dich nicht so an‘ zur bedürfnisorientierten Überforderung.
„Stell‘ dich nicht so an“ – sagt eine Mutter zu ihrem Kind, das seine Schuhe nicht anziehen möchte.
„Wegen sowas heult man nicht“ – sagt ein Vater zu seinem weinenden Sohn, der am Spielzeugtag vergessen hat, etwas mitzubringen.
„Ach, das hat doch gar nicht wehgetan“ – sagt die Großmutter zu ihrem Enkelkind, das soeben gestolpert ist und sich das Knie blutig aufgeschlagen hat.
Sätze wie diese begegneten mir in meiner Berufspraxis ebenso wie sie mir in meinem persönlichen Alltag nach wie vor begegnen. Und ganz ehrlich, diese Beobachtungen machen etwas mit mir. Nicht nur, weil mir in diesem Moment der emotionale Schmerz des Kindes das Herz zerreißt, sondern weil ich auch die innere Anspannung der Erwachsenen wahrnehme.
In solchen Aussagen steckt so viel Prägung durch die älteren Generationen und so unglaublich viel unterdrückte Emotion, die scheinbar vollkommen natürlich von Generation zu Generation weitergegeben wird – unreflektiert.
Und dann sind es die Kinder, denen nachgesagt wird sie seien nicht folgsam und rebellieren, tanzen den Eltern auf der Nase herum.
„So etwas hättest du dir niemals erlaubt, als du klein warst“ – sagt die Mutter zu ihrer erwachsenen Tochter, während sie gemütlich einen Kaffee genießen wollen. Das (Enkel-) Kind hat andere Pläne, es will mit seiner Mutter im Sandkasten spielen und ruft nach ihr.
Und plötzlich kippt die Stimmung. Die Großmutter wird ungeduldig und will das Enkelkind zur Ordnung rufen, ihre Tochter ist hin und hergerissen zwischen ‚Ich muss eine gute Tochter sein‘ und ‚Ich muss mein Kind schützen‘ und das Kind spürt auf einmal diese Spannung und fängt an zu weinen.
Die Mutter tröstet ihr Kind und erntet Kritik von ihrer Mutter und plötzlich fühlt sich die Tochter selbst wieder wie das Kleinkind, das ständig gemaßregelt wurde. „Mama, ich bin erwachsen und ich erziehe mein Kind nach bestem Wissen und Gewissen. So wie du es damals auch gemacht hast. Ich bitte dich, lass es mich auf meine Art machen.“ In dem Moment, in dem die Tochter diese Worte ausspricht, wächst sie innerlich. Sie holt sich ihre Handlungsfähigkeit zurück und wird wieder zu der erwachsenen Frau und Mutter ihres eigenen Kindes. Sie bezieht Stellung für sich und stellt sich schützend vor ihr Kind. Das Kind beruhigt sich, denn es weiß ‚Hier bin ich sicher, hier darf ich einfach sein, wer ich bin und wie ich bin.‘
Das ist das Spannungsfeld, dem viele Eltern heutzutage ausgesetzt sind. Sie wurden zum Funktionieren und zur Gehorsamkeit erzogen. Doch im Laufe ihres Lebens sind sie durch einen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung gegangen, der ihnen eine andere Perspektive der Erziehung eröffnet hat. Sie wissen, wie wichtig es ist den eigenen Emotionen und Bedürfnissen nachzugehen und dies auch den Kindern zu ermöglichen. Doch gleichzeitig sind da noch Reste der eigenen Prägung und natürlich auch die Familiendynamik, aus der man nur schwer aussteigen kann.
Es ist ein Prozess, den man durchläuft und es gehört enorm viel Mut und Kraft dazu, aus solchen Familienmustern auszusteigen. Wohl wissend, dass man den eigenen Eltern widersprechen muss, um die eigenen Ideale und Bedürfnisse auszuleben.
Es kostet Kraft und Mut sich mit seinen eigenen Prägungen auseinanderzusetzen und gleichzeitig sein Kind nach den neuen Idealen großzuziehen. Es ist eine Zerreißprobe – eine die es wert ist.
Wie erlebst du diese Momente des Ausbruchs aus alten Mustern? Schreib es mir gerne in die Kommentare.